Über den Matronenkult in der Rur- und Neffellandschaft
Neue Forschungen von Pfr. Andreas Pohl, Blens





Im Oktoberheft 1951 der „Eifel“ Seite 147 berichtet Joh. Eigner über eine Wanderung der Altertumsfreunde zur Kultstätte auf dem „Addig“ bei Pesch. Der Direktor des Bonner Landesmuseums Dr. Meuffer stellte bei dieser Gelegenheit die These auf, daß dies Kultstätte als Matronenheiligtum nicht bewiesen sei. Das lenkt unsere Aufmerksamkeit wieder auf die These von Prof. Max Ihm, Bonn, hin, der schon vor mehreren Jahrzehnten mehrmals in den Bonner Jahrbüchern darauf hinwies, daß in der Rurlandschaft zwischen Vlatten, Wollersheim und Embken (siehe Karte) ein, vielleicht 2 Matronenheiligtümer liegen müssen. Es handelt sich hier in dieser Abhandlung um neue Forschungen. Deshalb erübrigt es sich, ausführliche Betrachtungen anzustellen über Alter und Herkunft, Wesen und Wirken der Matronen. Das ist in mehreren „Eifelkalendern“ und in den Heimatblättern der Kreise Düren und Jülich durch Fachgelehrte und Laien oft geschehen.

I. Der Matronentorso von der Bade (siehe Karte und Abbildung).

Was ist die Bade? Vor- und frühgeschichtlich gesehen? Wahrscheinlich der älteste Flurname der Nordosteifel. Fachgelehrte erklären ihn als „Ort am Wasser“. Was könnte dazu die „kopflose Matrone“ sagen? Eine Inschrift wurde nicht gefunden. Heimatforscher leiten den Namen der Advatuker (Caesar bell. gall.) von dem germanischen Stammwort „vatu“ her. Für diese Stammsilbe „vatu“ sprechen mehrere in der Rurlandschaft bei Jülich gefundene Matronensteine. Diese waren den Matronen „Vatuiae“, d. h. den Beschützerinnen des Wassers, der Flüsse und Quellen geweiht. Primina Justina weiht den Matronen „nersehenis“, d. h. den „Beschützerinnen der Niers“, einen Weihestein, zu Güsten bei Jülich, Zwei in Rödingen bei Jülich gefundene Inschriften nennen ebenfalls die Wassergöttinnen.

Im Bonner Landesmuseum finden sich auf vier Terra-Sigilata-Tassen Töpferstempel mit dem Worte „VATO“, vatus = Wasser. Die Advatuker, die auch die Herren an der Niers waren, sind nach Viktor Demmer (rheinischer Heimatforscher) „die am Wasser Wohnenden“, „die von der Waterkant“. Danach könnte man die „Sitzende von der Bade“ als „Wassergöttin“ bezeichnen. Bezeichnend ist, daß die Seitenwände der ganz in der Nähe im Bereich der „Bade“ bei Gödersheim am Ufer der Neffel (Nabalia des Tacitus) gefundenen Matronensteine Wasservögel zeigen (vgl. Abb. Absatz II). Warum hat die Matrone der „Badua“ (Cäsarius v. Heisterbach) keinen Kopf? Das ist nicht verwunderlich. L. Lersch schildert uns in „Bonner Jahrbücher 1841“ daß in Commern, also in der Nachbarschaft der Bade, und auch in Rheder im Erfttale an Votivsteinen verschiedener Gottheiten u.a. auch der keltischen Mütter die Köpfe und Gesichert absichtlich zerschlagen worden sind. Dasselbe ist geschehen bei der mittleren der drei Matronen auf dem Votivstein am Fuße der Bade bei Gödersheim, den C. Priminius den veteranehischen Müttern weihte, und an den Köpfen auf dem Votivstein von Gödersheim, den C. Matrinius Primus denselben Müttern weihte. Römer und überhaupt Heiden könnten sich eines solchen Frevels an geweihten Altären nicht schuldig gemacht haben. Auch an Stellen, wo die Figuren durch Fall oder Sturz nicht beschädigt werden konnten, ist Hammer und Meißel angesetzt worden. Bei dem Dunkel, welches über der Einwanderung der fränkischen Stämme in die Täler von Rur, Neffel und Erft sowie über die Einführung des Christentums bei der wechselnden keltischen und germanischen Bevölkerung herrscht, läßt sich diese Frage mit Sicherheit nicht entscheiden.


Matronentorso von der Bade

Lersch sagt, nur so viel könne mit Wahrscheinlichkeit behauptet werden, daß diese Gräber wegen offenbarer Profanation geweihter Denkmäler nicht der ursprünglichen Bevölkerung, die ja dem Matronenkult eifrig anhing, sondern den eingewanderten ripuarischen Franken zugeschrieben werden müssen. Ob nun die in diesen Gräbern Beigesetzten schon dem Christentum angehörten, welches bekanntlich infolge des Sieges Chlodwigs über die Alemannen in der Schlacht bei Zülpich 496 zur Staatsreligion des Frankenreiches wurde, läßt sich ohne weiteres weder bejahen noch verneinen. „Die Missionare waren jedenfalls bemüht, gemäß den Anordnungen Gregors des Großen die althergebrachten Volksbräuche zu schonen, und es ist sicher, daß die Kultstätten selbst nicht der allgemeinen Zerstörung anheimgefallen sind.“ (G. Rody: Zeichen und Zeugen aus germanischer Vorzeit, 1940.) Rody schließt seine bekannte Studie mit der Feststellung, daß „Großzügigkeit in der Verbreitung des Glaubens, Weitherzigkeit in der Auffassung der Wahrheit, Entgegenkommen in der Beurteilungen der Meinungen anderer stets Grundzüge der Kirche gewesen sind“. Hier dürfte die Mahnung angebracht sein, die kleinen Matronenstatuen, die sich immer wieder bei der Bade finden, nicht sinnlos zu vernichten, indem man sie zum Ausfüllen tiefer Wegelöcher benutzt. Der Verfasser dieser Abhandlung könnte darüber Merkwürdiges mitteilen.-

Kann die Matrone von der Bade etwas mit der Göttin Baduhenna zu tun haben und die Bade der „lucus Baduena“, d. h. der „Hain der Baduenna“ sein? Der römische Geschichtsschreiber Tacitus (55 bis 117 n. Chr.) spricht in seinen Annalen B. 4 Cap. 72 ff. von einem Kriegsereignis, das sich im Jahre 28 n. Chr. am Niederrhein ereignet hat, und zwar höchstwahrscheinlich in unserer Bade. Victor Demmer, unser rheinischer Heimatforscher in Euskirchen, hat zuerst darauf hingewiesen, daß dieses Ereignis sich in der Bade zugetragen habe. Es handelt sich um den Aufstand der Friesen zur Zeit des Tiberius, in dessen Verlauf mehrere römische Legionen so schwere Verluste erlitten, daß sie sich fluchtartig zurückziehen mußten. Bei dieser Gelegenheit wurden 900 römische Soldaten bei einem Hain, welcher „Hain der Baduhenna“ heißt (apud lucum quem Baduhennae vocant), niedergemacht und eine andere Gruppe von 400 sich gegenseitig den Tod gab, und zwar beim Wohnsitz eines gewissen Kruptorix. Demmer weist mit Recht darauf hin, daß die Überreste der Legionen, ohne ihre im Kampfe Gefallenen bestatten zu können, sich fluchtartig in ihre rheinischen Garnisonen zurückgezogen hätten. Dies lag am Oberrhein, denn Tacitus schreibt, daß der Propraetor von Niedergermanien, L. Apronius, mehrere Abteilungen obergermanischen Legionen und Hilfstruppen den Rhein herab und gegen die Friesen geführt habe. Diese Garnisonen waren in Trier, Metz und Straßburg, und zu diesen Garnisonen führte der den Soldaten bestimmte Weg durch die Eifel über Zülpich (Tolbiacum) nach Trier (augusta Trevirorum). Da die Schlacht an der Mündung des Rheins stattgefunden habe, würden die Überreste der Legionen bei Maastricht die Maas überschritten haben, um durch die Eifel bei Zülpich die große Straße nach Trier zu erreichen. Nach Demmer haben dann hier die von Tiberius zwangsweise angesiedelten Sigamber aus Rache für die Evakuierung beim obengenannten Hain der Baduhenna die Römer überfallen, wobei 900 Mann fielen und 400 sich in das Landhaus des Kruptorix retteten, sich aber das Leben nahmen. Tacitus erwähnt mit keinem Wort, daß dieses Ereignis sich unmittelbar nach der Schlacht im Lande der Friesen ereignet habe. Im Gegenteil habe sich der Hain der Göttin Baduhenna und das Landhaus des Kruptorix bei der Bade befunden.

Daß die Göttin Baduhenna die „Stammesgöttin“ der Friesen gewesen sei, ist nicht zu beweisen. Für die Annahme, daß der König Kruptorix, von dem Taxitus ausdrücklich erwähnt, daß er als Söldner im römischen Heere gedient habe, ein Nachkomme des Eburonenkönigs Ambiorix war, liegen gewichtige Gründe vor. Der Königssitz des Ambiorix muß nach dem Cäsartext (Bell. gall. Buch VI Cap. 30) bei der Bade auf den nordöstlichen Ausläufern der Eifel gelegen haben. Dieser geschichtliche Exkurs ist in keiner Hinsicht abwegig. Die darin angeschnittenen Fragen sind seit den Tagen der Humanisten nicht gelöst worden.


Die drei Marien vom Heimbach


II. Was sagen die Matronensteine von Gödersheim uns über die Kultur der Rur- und Erftlandschaft vor 1700 Jahren?

Gödersheim liegt am Ufer der Neffel, etwa 25 Minuten entfernt vom Fundort der Matrone von der Bade und 15 Minuten entfernt vom sogenannten

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den Gerstenwein und das Bier kannte. Beide haben ja eine (um 3000 v. Chr.) mehrtausendjährige Geschichte. Babylon und Ägypten kannten es schon, auch die Kunst des Mälzens ohne Hopfen. Von Pannonien, südlich der Donau, wo man ein Bier, Sabaia genannt, aus Hirse und Gerste herstellte, kam das Bier zu den Kelten nach Gallien, und diese Kelten, die ja auch an Rur und Neffel saßen, übermittelten wahrscheinlich den Germanen die Kunst des Mälzens. Auf eine Inschrift findet sich sogar das Wort cerevisiarius, d. h. „Bierbrauer“! Ebenso sympatisch wie die Bierkrüge und die Gerstenähren von Gödersheim sind uns die Trauben und Rebzweige und spitz auslaufenden Amphoren (siehe Abb. 3) auf unseren Votivsteinen. Die älteren Generationen erinnern sich noch - wie der Verfasser -, daß im mittleren Rurtal, besonders bei Winden, Wein gekeltert wurde. Auf den großen landwirtschaftlichen Ausstellungen in Düren konnte man ihn in den Jahren von 1890 - 1905 noch regelmäßig sehen. In Embken, dem Hauptort des Weinbaus im Neffeltal, fand man merkwürdigerweise eine Münze des Probus, des kaiserlichen Weinbauers. Embken hatte sogar eine Gemeindeweinkelter. An alten Häusern in Winden sieht man als Wahrzeichen Weintrauben und über dem Eingangstor des alten Zehnthofes in Wollersheim eine Gerstenähre aus Trierer Sandstein. Wollersheim hatte wie Eppenich, Bürvenich, Muldenau, Vlatten und Hausen Weinberge. Bei den zuletzt genannten zwei Dörfern kann man heute noch die Terrassen der alten Weinberge sehen.

Die „Eifelkalender“ brachten in den letzten Jahrzehnten mehrmals Abhandlungen über „heilige Stätten“ in der Eifel, ohne dabei darauf hinzuweisen, daß gerade unser Rur- und Neffelland klassisches Matronenland ist. Kein Kult war dem Herzen der keltischen und germanischen Bauern der Nord- und Osteifel näher als der Fruchtbarkeitskult seiner Beschützerinnen von Haus und Hof, von Feld und Flur. Sie waren seine „lieve Vrouwen“. Die Matronen Vacallinehae (in Endenich und Antweiler gefunden) deutet Kern auf Wachendorf, andere auf den Waal: „Wakalensche Lieve Vrouwen“, und die „Lieben Frauen von Hameland“ sind den Holländern wohlbekannt. Kein Wunder, daß der Matronenkult auf den Marienkult der christlichen Kirche übergegangen ist. Denn keine Heiligengestalt ist dem Volks der Rurlandschaft verehrungswürdiger als „Unsere liebe Frau“. Von Heimbach über Aldenhoven bis Kevelaer folgen sich ihre Wallfahrtsorte. In fast allen alten Kirchen bei der Rur: in Pier und Merzenich und Hochkirchen, in Geich und Derichsweiler und Hoven bei Zülpich stecken Bruckstücke von Matronensteinen. Ergreifend sind nicht nur die Gnadenbilder von Heimbach und Aldenhoven, sondern auch die gotischen Vesperbilder (Pietas) in den Kirchen von Mariaweiler, Merzenich u. a. um Düren. Rurland ist nicht nur Matronen-, sondern auch Muttergottesland.

Wenn wir die auf den Matronensteinen von Gödersheim abgebildeten Kulturprodukte betrachten, dann steht vor unserem geistigen Auge das Bild einer blühenden Landschaft an den Ufern der oberen Neffel und der mittleren Rur zur Zeit der Blüte des Matronenkultes (2. und 3. Jahrhundert n. Chr.). Dann sehen wir weithin Weinberge, Obstgärten und Gerstenfelder, Schweine- und Geflügelzucht. Diese Steinurkunden zeigen uns Schweineköpfe und Schweineschinken und Schweineopfer, große und kleine Vögel, die unstreitig der Familie der Sumpfvögel angehören. Wie künstlerisch hochstehend ist die Arbeit des Steinmetzen: Rebenzweige, die mit Blättern und Trauben verziert sind, die Krüge und großen Amphoren. Wie lebendig auf einem Steine das Bild des Opferdieners, der in der Hand ein Schwein heranbringt, das er an den Hinterbeinen festhält.

Wie lebendig ist heute noch die Verehrung der „3 Jungfrauen von Thum“ (siehe Abb. 5), die dort in der Nähe der Neffel als Fides, Spes und Caritas (Glaube, Hoffnung und Liebe) noch immer verehrt werden. Haben die Matronae tumestae von Sinzenich und die Textumehae von Soller vielleicht etwas mit Thum zu tun? Sind sie die „Mütter vom Hügel“ (nach Kaspers Thum von tumulus = Grabhügel)? Es gibt in Deutschland noch ein zweites Thum im Erzgebirge. Man erklärt dort das Wort nach einem böhmischen Tum-Gasthaus. Sind danach die tummestae, auch tumaestae, die „hospitales“, d. h. die „Gastlichen“? Oder steckt in dem Wort das lateinische maestus, d. h. traurig, betrübt? Rheinische Siedler sollen die Verehrung der Mater dolorosa mit nach Thum im Erzgebirge gebracht haben. 1509 ist dort die „Elende Maria“ als Pfarrpatronin durch die hl. Anna ersetzt worden. Holder (keltischer Sprachschatz) erklärt die Belgen als die tumentes (vgl. „Bülgen“), d. h. „Die Geschwollenen“, d. h. die Stolzen, hier die „Hoheitsvollen“. Oder haben die „3 Marien“ von Durboslar bei Jülich, die „Bellmarie“, die „Schwellmarie“ und die „Kreischmarie“ ihren Namen von den Schwellungen gewisser Kinderkrankheiten? Ja, der Matronenkult ist geheimnisvoll, aber nicht unheimlich, sondern mütterlich gütig gewesen. In Frauweiler bei Bergheim werden ebenfalls die 3 Jungfrauen wie in Thum als Patroninnen der Kirche verehrt. In der Wallfahrtskirche zu Heimbach stehen die „3 Marien“ als herrliche Skulpturen von hohem Kunstwert. Bis kurz vor dem ersten Weltkriege zogen die Gilsdorfer und Flerzheimer zur Pfingstzeit in Prozession zum Kirchlein bei Weilerswist, das der Volksmund das „Swister Türmchen“ nennt, um für den Erntesegen zu beten. Vielleicht hat kaum einer der Pilger gewußt, daß das Kirchlein „an der Gabgai“ liegt und daß dort einst die „Matronae Gabiae“ verehrt wurden, d. h. „die Gebenden.“ An einem Wege von Vettweiß nach Geich beim „wisse Krusch“ und bei Sinzenich stehen Kreuze mit drei weiblichen Gestalten. Ich vermute, daß bei Vettweiß ein Heiligtum der Vesunianischen Mutter stand. In Britannien steht ein Matronendenkmal mit der Inschrift „Matres omnium gentium“, d. h. „die Mütter aller Völker“. Wer verdient diesen Ehrentitel mehr als Christi Mutter? Auch die Großen unseres Volkes haben ihre Größe anerkannt: der größte deutsche Dichter, Goethe, im ersten Teil seines „Faust“ und im zweiten Teile, wo er uns herabsteigen läßt „zu den Müttern“. Der größte deutsche Bildhauer, Til. Riemenschneider, in der Himmelfahrtsmadonna im Creglinger Münster und der größte deutsche Maler, Albrecht Dürer, in seinen Marienbildern setzen ihr unvergängliche Denkmäler ihrer Kunst. Sie bleibt die „Immerwährende Maria“, ihrer eigenen Verheißung gemäß, länger als die „Drei Ewigen“ aller Matronensteine.









Quelle: Unbekannt (Die Eifel, Zeitschrift des Eifelvereins ?) 1951/1952, Seite 98 - 100 (Seite 99 fehlt)
Sammlung Michael Peter Greven, Nideggen, Sammlung wingarden.de, H. Klein
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